Bereit für mehr

24. Dezember 2019

Auf welcher Tennisbühne Nina Stadler auch auftritt, die Sympathien gehören der Spielerin mit dem grossen Kämpferherz. Ihre ausserordentlichen Fähigkeiten hat die 24-Jährige in der Finalrunde des NLA-Interclubs einmal mehr bestätigt. Die Toggenburgerin ist indes nicht nur national eine Grösse, sondern auch international bereit für mehr.

Selbstdisziplin, Eigenverantwortung, Fleiss, Professionalität, Freundlichkeit, Korrektheit: Nina Stadler ist die perfekte Botschafterin für diese Werte und lebt diese, wo auch immer sie Tennis spielt. «Nina ist in jeder Beziehung ein Vorbild», schwärmt Ralph Zepfel, in dessen Talentschmiede die frisch gebackene NLA-Interclub-Schweizermeisterin seit nun 16 Jahren betreut wird. Coach Tobias Klein bestätigt: «Nina ist stets topmotiviert und braucht keinen fremden Antrieb.» Ganz im Gegenteil man müsse sie eher bremsen. Ihr Trainingsfleiss, ihre Fitness und Schnelligkeit, aber auch Aufschlag und Vorhand sind ihre grossen Stärken. «Aufgrund ihrer Fähigkeiten gehört sie längst in die Top-300 im WTA-Ranking», ist der frühere Tennisprofi Tobias Klein überzeugt. Bevor die talentierte Spielerin Ende 2018 durch eine langwierige Rückenverletzung gebremst wurde, führte ihr Weg ziemlich direkt in diese Richtung. Viermal stand sie allein im vergangenen Jahr im Finale eines 15’000$-Turniers und feierte auf der gleichen Stufe zwei Doppeltitel.

Immer wieder aufstehen

«Nicht die Menschen, die immer gewinnen, sind die stärksten, sondern jene, die niemals aufgeben», ist Nina Stadler überzeugt. Aufgeben kam für die U18-EM-Viertelfinalistin nie in Frage. «In unserem Sport bekommt man Woche für Woche neue Chancen, kann vergessen, was war oder an gute Leistungen anknüpfen. Jedes Spiel und jeder Satz beginnt bei null.» Das sei faszinierend und mache den Alltag abwechslungsreich, gibt die sympathische Tennisspielerin zu verstehen. Dass es auf der internatio¬nalen Tennisbühne in kleineren Schritten aufwärts geht und sie trotz hartem Training noch nicht ihren Fähigkeiten entsprechend zu den 300 Besten der Welt gehört, hält sie nicht ab. «Ich will meinen Job möglichst gut machen und mich stetig verbessern. Dann geht es auch im Ranking Schritt für Schritt weiter», sagt die Nummer 576 der Welt. Leidenschaft sieht sie als Schlüssel zur Genialität und Willenskraft als Voraussetzung für Erfolg.

Auf eigenen Füssen

Seit Nina Stadler die obligatorische Schulzeit in der Nationalen Elitesportschule Thurgau und das Sport-KV abgeschlossen hat, kann sie sich voll auf ihre Tenniskarriere konzentrieren. Kürzer sind ihre Tage aber nicht geworden. «Ich nehme meinen Beruf sehr ernst.» Den Trainings- und Turnierplan bespricht sie mit ihrem Trainer. Organisatorisches löst sie selbst und verzichtet auf internationalen Turnieren aus Kostengründen auf die Begleitung ihres Coachs. «Ich bin froh, dass ich meine Familie finanziell nicht mehr belasten muss und ich dank Sponsoren selbständig über die Runden komme. Es ist ein besonderes Privileg, dass ich mein grosses professionell betreiben darf.»

Viele Aufgaben

Die Nummer 20 der Schweiz managt ihr kleines Unternehmen selbst: Sie bucht ihre Flüge, sucht nach möglichst preisgünstigen Unterkünften, vereinbart auf Auslandturnieren Termine mit Sparringpartnerinnen, bespannt ihre Rackets und verhandelt mit Sponsoren. Die Hotelzimmer teilt sie aus Spargründen meist mit einer anderen Spielerin. Lange Reisen und grosse Distanzen schrecken die Topspielerin nicht ab. «Ich schaue, welche Turniere sich für mich am besten eignen und plane entsprechend», sagt Nina Stadler, die in Williamsburg (USA), Tabarka (Tunesien) und Getxo (Spanien) kurz nach der verletzungsbedingten Wettkampfpause bereits wieder in den Finals stand. Wenngleich die Aufgaben an den höher dotierten 25’000-Dollar-Turnieren anspruchsvoller sind, will sie sich in den nächsten Monaten vor allem auf diese konzentrieren: «Ich will die nächsten Schritte angehen.» Im neu eingeführten ITF World Tennis Singles Ranking zählte die Ostschweizerin zu den 70 Besten. Über den Entscheid der ITF, den Versuch abzubrechen und wieder auf das alte System zu setzen, ist sie trotzdem nicht unglücklich. «Die frühere und heute wieder geltende Regelung ist übersichtlicher. Denn es spielt ja grundsätzlich keine Rolle, ob man die WTA-Punkte auf kleineren oder grösseren Turnieren gewinnt», sagt die Spielerin, die mit dem Auto ihres Sponsors jährlich rund 30’000 Kilometer zurücklegt.

Beliebt und hart im Nehmen

Spielt Nina Stadler in der Schweiz, ist ihre Fangemeinde gross. Die beliebte Spielerin wird oft von ihrer Familie, ihren Freunden und ihren Sponsoren begleitet. «Gerade, weil ich mehrheitlich alleine unterwegs bin und an kleineren Turnieren auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit spiele, weiss ich Auftritte in heimischen Gefilden mit Publikum besonders zu schätzen.» Der frühe Tod ihres geliebten Vaters im Sommer 2018 hat die 24-Jährige hart getroffen. Trotzdem liess sie wenige Tage später ihr NLA-IC-Team nicht hängen. Wie wohl sie sich im Team des TC Chiasso fühlt, wie gross ihr Verantwortungsbewusstsein und ihr Kampfgeist auch in Mannschaftskräftemessen sind, war in diesem Sommer erneut spürbar. Denn an der diesjährigen Finalrunde waren ihre Stärken besonders gefragt. Im nervenaufreibenden Champions-Tiebreak kämpften sich Nina Stadler und ihre Partnerin nach Matchbällen zurück und stellten mit ihrer enormen Willensleistung den Grundstein für den grössten Erfolg in der Klubgeschichte des TC Chiasso. Obwohl Nina Stadler tags darauf im Finale an der Seite von Joanne Züger die erste Doppelbegegnung verlor, übernahm sie in der für den Schweizer Meistertitel massgebenden Kurzentscheidung noch einmal Verantwortung und brachte schliesslich auch das finale Champions-Tiebreak an der Seite der Schwedin Cornelia Lister ins Trockene. «Diese Tage werde ich wohl nicht mehr so schnell vergessen», gibt die erfahrene NLA-Spielerin mit einem Schmunzeln zu verstehen.

Ihrer Linie treu geblieben

Seit die Spielerin mit der beispielhaften Selbstdisziplin im Alter von acht Jahren an einem Sichtungstraining in der Talentschmiede von Ralph Zepfel schnuppern durfte, ist sie ihrem Trainingsort Kreuzlingen treu geblieben. «Ich fühle mich sehr gut und habe mit Tobias Klein einen hervorragenden Trainer.» Aber auch von ihrem Konditionstrainer Christian Klein hält sie sehr viel. «Ich kann von ihrer Erfahrung enorm profitieren.» Die Nationale Elitesportschule Kreuzlingen (NET) erwies sich für Nina Stadler sportlich wie auch emotional als Volltreffer. Denn die Liebe zwischen der Ostschweizerin und dem ehemaligen Junioren-Schweizer Meister Matej Kostadinov aus Luzern begann in der NET und hält auch den heute grösseren Distanzen stand.

Auch Niederlagen sind wichtig

Auf ihren ersten internationalen Turniersieg auf der Frauentour vor drei Jahren blickt sie gerne zurück. «Wichtig sind für mich aber nicht nur Siege, sondern vor allem gute Matches, in denen ich alles nach Wunsch umsetzen kann. Ob Sieg oder Niederlage. Jede Erfahrung ist wertvoll.» Das grösste Handicap sei ihr Kopf, weiss Trainer Tobias Klein. «Sie will zu schnell zu viel und steht sich damit oft selbst im Weg.» Daran will die Toggenburgerin in den nächsten Monaten genauso arbeiten, wie sie weiss, dass sie auch ihre Konstanz verbessern muss. Die Worte ihres Trainers scheinen angekommen. Denn sie sagt: «Ich muss mir dafür aber Zeit lassen.»

Quelle: Smash Das Tennismagazin der Schweiz | www.smashmagazin.ch | September 2019 | MS Sport AG 3098 Köniz
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